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Dude: Wie wir für einen Zeitungsverlag einen KI-Agenten für den Kundenservice gebaut haben

Kein Chatbot, kein FAQ-Baum: Wie wir für einen mittelständischen Zeitungsverlag die Eigenentwicklung Dude umgesetzt haben – und was das mit offenen Schnittstellen zu tun hat.

Geschäftsführer prüft das KI-Agent-Dashboard der Software Dude – automatisch bearbeitete und eskalierte Kundenanfragen im Überblick

Oder: Was passiert, wenn man aufhört, auf die große Lösung zu warten, und einfach anfängt.

Unser Kunde betreibt einen mittelständischen Zeitungsverlag. Abonnenten, Zustellprobleme, Reklamationen, Verlagsdaten von Drittanbietern, offene Posten, SEPA-Änderungen — und natürlich Kunden, die um 22 Uhr schreiben, dass ihre Zeitung seit drei Tagen nicht angekommen ist.

Sie kennen das.

Die klassische Antwort der Branche lautet: mehr Personal einstellen, bessere Software kaufen, auf den großen Anbieter warten, der irgendwann eine KI-Lösung für Verlage baut. Wir haben gemeinsam entschieden, das nicht abzuwarten. Das Ergebnis ist Dude — so heißen sowohl das Projekt als auch die Software, die daraus entstanden ist.

In diesem Artikel zeigen wir, wie Dude funktioniert, warum es möglich war — und was Sie dafür brauchen.

Was ist Dude überhaupt?

Dude ist kein Chatbot. Kein FAQ-Bot mit Entscheidungsbaum. Kein „Tippen Sie 1 für Reklamation"-System.

Dude ist ein KI-Agent, der eingehende Kundenanfragen — per E-Mail, bald per Chat — selbstständig liest, versteht, klassifiziert und bearbeitet. Die Mail ist dabei nur der Kanal; der eigentliche Ablauf lebt im Vorgang – nicht im Posteingang (warum E-Mail kein Workflow ist). Er schaut in die Systeme des Verlags, legt Reklamationen an, schickt Antwortmails, merkt sich den Kontext des Kunden über mehrere Kanäle hinweg, und wenn etwas nicht klar ist oder heikel wird, eskaliert er an einen menschlichen Sachbearbeiter.

Das Ganze passiert im Hintergrund, 24/7, ohne dass jemand morgens die Queue manuell abarbeiten muss.

Klingt nach Science Fiction? Ist es nicht. Die Technologie ist da. Der Trick liegt woanders.

Die eigentliche Frage: Womit spricht der Agent?

Hier wird es kurz strategisch — und es lohnt sich.

Ein KI-Agent allein ist wie ein brillanter neuer Mitarbeiter, der am ersten Tag anfängt und keinerlei Zugriff auf Ihre Systeme hat. Er kann reden, er kann denken, aber er kann nichts tun. Er kann nicht nachschauen, ob Herr Müller wirklich seit drei Tagen keine Zeitung bekommen hat. Er kann keine Reklamation anlegen. Er kann keine Antwortmail mit den richtigen Daten rausschicken.

Damit ein Agent wirklich arbeiten kann, braucht er Werkzeuge. Und diese Werkzeuge sind Ihre bestehenden Systeme.

Genau hier liegt die entscheidende Weichenstellung: Wie offen sind Ihre Systeme?

Wenn Sie ein monolithisches System haben — eine große, alles umschließende Software, die alles kann, aber nichts nach außen gibt — dann haben Sie ein Problem. Der Agent kommt nicht rein. Niemand kommt rein, außer den Benutzern, die sich per Browser einloggen.

Wenn Sie dagegen Systeme haben, die eine offene Schnittstelle anbieten — eine REST-API, eine GraphQL-API, irgendetwas, das maschinenlesbar ist — dann haben Sie Gold.

API-First ist keine Tech-Religion, sondern Überlebensstrategie

In vielen Branchen ist das Thema APIs noch nebensächlich. Man fragt: Kann die Software das, was ich brauche? Kann ich damit arbeiten? Passt der Preis?

Die Frage, die künftig genauso wichtig ist: Kann eine Maschine mit dieser Software sprechen?

Denn ob das eine KI ist, eine Automatisierung oder ein anderes System, das Daten importieren möchte — alle stellen dieselbe Frage. Und wenn die Antwort „nein" lautet, zahlen Sie jedes Mal mit manueller Arbeit dafür.

Im Verlag ist das zentrale System LEONARD — das Abo- und Logistiksystem. LEONARD hat eine API. Das war die Grundvoraussetzung für alles, was danach kam.

Ohne diese API wäre Dude ein netter Proof-of-Concept geblieben, der E-Mails liest und dann doch wieder jemandem Bescheid sagt, der es manuell einträgt.

Mit der API ist Dude ein Mitarbeiter.

Die Spinne im Netz

Das treffendste Bild für Dude: Er ist die Spinne im Netz.

Das Netz sind die bestehenden Systeme des Verlags. Das Aboverwaltungssystem. Der E-Mail-Server. Das Mahnwesen. Das CRM. Externe Lieferanten. All diese Systeme existieren bereits, arbeiten (hoffentlich) gut, und sollen nicht ersetzt werden.

Dude ersetzt sie nicht. Dude verbindet sie. Er weiß, wo er nachschauen muss, wenn eine Anfrage reinkommt. Er weiß, in welchem System er eine Aktion auslösen muss. Er weiß, wem er melden muss, wenn er nicht weiterkommt.

Technisch passiert das über sogenannte Tools — definierte Schnittstellen, über die der Agent gezielt in Ihre Systeme greifen kann. Jedes Tool macht genau eine Sache: Kunden nachschlagen, Reklamation anlegen, Rechnung abfragen, Mail versenden. Klar abgegrenzt, protokolliert, nachvollziehbar.

Und jede einzelne Aktion, die Dude ausführt, landet in einem Audit-Log. Wer hat wann was gemacht, mit welchem Ergebnis. GoBD-konform, 10 Jahre aufbewahrt, unveränderbar. Das ist kein Nerd-Kram — das ist Compliance.

Kein blindes Vertrauen: Der Mensch bleibt im Loop

Wer jetzt denkt: „Das klingt gut, aber ich will nicht, dass eine KI unkontrolliert in meinen Systemen herumfuhrwerkt" — vollkommen richtig. Das war auch für unseren Kunden keine Option.

Dude hat ein klares Regelwerk, was er selbst entscheiden darf und was nicht. Standardreklamationen, Adressänderungen, Auskunft über den Abostatus: Das erledigt er autonom. Kündigungen, Beschwerden mit juristischem Charakter, sehr verärgerter Ton, Datenschutzanfragen: Er hält an, eskaliert an einen Sachbearbeiter, und der Mensch entscheidet.

Das nennt sich Human-in-the-Loop — und es ist absichtlich kein Notfallmechanismus, sondern ein eingebauter, normaler Teil des Workflows. Der Sachbearbeiter übernimmt, bearbeitet den Fall, und Dude lernt aus dem Kontext für die nächste Anfrage desselben Kunden.

Kein Automat, der blind durchläuft. Ein Assistent, der weiß, wann er fragen muss.

Was Sie dafür brauchen (die ehrliche Liste)

Wir wollen nicht so tun, als ob Sie das in einem Wochenende aufbauen. Aber wir wollen auch nicht so tun, als ob es eine Blackbox wäre, die nur die ganz Großen sich leisten können.

Was Sie brauchen:

1. Systeme mit offenen Schnittstellen. Das ist die wichtigste Voraussetzung und die, über die Sie heute schon nachdenken sollten, egal ob Sie einen Agenten bauen oder nicht. Kaufen Sie keine Software, die Sie einsperrt. REST-API oder GraphQL sollte eine Standardfrage bei jeder Software-Entscheidung sein.

2. Klare Prozesse, bevor Sie sie automatisieren. KI macht Ihre Prozesse nicht besser — sie macht sie schneller. Wenn Ihr Reklamationsprozess heute chaotisch ist, wird er mit KI chaotischer sein. Schreiben Sie auf, wie ein Vorgang von A bis Z aussehen soll. Dann kann ein Agent das abbilden.

3. Mut zur schrittweisen Einführung. Im Projekt Dude haben wir mit dem einfachsten Kanal angefangen: Dateien, die in einem lokalen Ordner landen. Erst wenn das sauber läuft, kommt der nächste Kanal dazu. Kein Big Bang, kein alles-oder-nichts.

4. Jemanden im Haus, der versteht, was passiert. Das muss kein Entwickler sein. Aber irgendjemand muss verstehen, wie die Teile zusammenhängen, welche Systeme angebunden sind, und was zu tun ist, wenn etwas nicht stimmt. KI-Agenten sind kein Autopilot, dem man nie wieder zuschauen muss.

Warum Eigenentwicklung und nicht von der Stange?

Die Frage kommt immer. Die ehrliche Antwort: Es gibt noch keine „von der Stange"-Lösung, die die spezifischen Systeme, die spezifischen Prozesse und die spezifischen Compliance-Anforderungen dieses Verlags wirklich abdeckt.

Und selbst wenn es sie gäbe: Sie würde auf einem fremden Server laufen, mit fremden Daten, und der Verlag wäre abhängig von den Roadmap-Entscheidungen eines Anbieters, der auch hundert andere Kunden bedient.

Was wir gebaut haben, gehört dem Verlag. Dude läuft auf eigener Infrastruktur. Er kennt die eigenen Systeme. Er ist auf die spezifische Domäne trainiert — Zustellung, Abonnement, Verlagsdaten, Mahnwesen. Und wenn sich die Prozesse ändern, ändern wir den Agenten.

Das klingt nach viel Aufwand. Aber mit den heutigen Werkzeugen — modernen KI-Modellen, guten Entwicklungsframeworks, sauberen APIs — ist es erschwinglich. Für den Verlag war es die richtige Entscheidung. Für viele mittelständische Unternehmen wäre es das auch.

Was kommt als Nächstes?

Dude ist kein fertiges Produkt. Es ist ein Weg.

Im nächsten Schritt wird E-Mail direkt angebunden — IMAP, automatisch, ohne dass jemand Dateien von Hand einlegen muss. Danach kommt ein Chat-Interface für Kunden, direkt auf der Website des Verlags. Dann ein Scheduler, der automatisch Wiedervorlagen anlegt, wenn ein Kunde nicht antwortet.

Jeder dieser Schritte baut auf dem vorherigen auf. Das Fundament — offene Systeme, definierte Werkzeuge, sauberes Audit-Log, Mensch im Loop — steht einmal und trägt alles andere.

Fazit: Der richtige Zeitpunkt ist jetzt

Wir glauben nicht, dass Technologie jedes Problem löst. Wir glauben, dass repetitive Standardarbeit keine menschliche Aufmerksamkeit verdient — und dass Ihre Mitarbeiter Besseres zu tun haben, als morgens die gleiche Sorte E-Mails abzuarbeiten, die sie gestern abgearbeitet haben.

Dude macht das. Und er macht es gut.

Aber er macht es nur, weil die Grundvoraussetzungen stimmen: offene Systeme, klare Prozesse, und die Bereitschaft, nicht auf die perfekte Lösung zu warten, sondern mit der richtigen anzufangen.

Wollen Sie wissen, ob das bei Ihnen funktioniert?

Die Architektur hinter Dude — offene Schnittstellen, definierte Werkzeuge, schrittweise Einführung — ist kein Verlags-Spezialfall. Sie funktioniert überall dort, wo wiederkehrende Anfragen auf schlechter vernetzten Systemen treffen.

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Dr. Martin Mundschenk
Dr. Martin Mundschenk

Gründer & IT-Architekt

Berät Geschäftsführer von Produktionsunternehmen bei der Wahl offener IT-Architekturen und der Automatisierung administrativer Prozesse – herstellerunabhängig und wirtschaftlich orientiert.